Schlüsselerlebnis in Marokko

Freitag ist für Muslime ein besonderer Tag. Das Mittagsgebet hat einen hohen Stellenwert und es sind viel mehr Männer auf den Strassen unterwegs, als sonst.
So auch eines vormittags in Tanahout, als ein freundlich aussehender Mann sich nicht weit von unserer roten Feuerwehr setzte und mir mit einem »Daumen Hoch« zu verstehen gab, dass er unser Auto toll findet.
Ich hockte mich zu ihm, denn er hatte eine besonders freundliche Ausstrahlung. Er konnte leider kein einziges Wort französisch, was uns aber nicht daran hinderte, uns mit Händen und Füssen zu unterhalten.

Ich kann auf Arabisch bis zehn zählen und auch sagen, wie ich heisse. Ersteres half mir in dieser Situation nicht, deswegen sagte ich »Ana ismi: Martin!« So zückte er seine Brieftasche, holte den Ausweis heraus und zeigte mir seinen Namen, der auch in Lateinischen Buchstaben abgedruckt war. Ich konnte mich im Nachhinein nur noch an den Vornamen Mugdal erinnern. Ausserdem glaubte ich verstanden zu haben, dass er Berber ist, in der Mitte zwischen Marrakesch und Tanahout wohnt, zu Fuss hergekommen ist, und wahrscheinlich auch Imam einer Moschee ist. Er fragte mich wo wir schon in Marokko waren, wo wir noch hinwollen und mittels 2 Steinen, die er von der Sonne in den Schatten schob, warum wir denn mit unserem Gespann nicht in den Schatten ziehen, wo sich der Wagen nicht so sehr aufheizt. Ich vermute, er hat es nicht verstanden, dass wir Solarpaneele auf dem Dach haben, die unseren Strom erzeugen.
Bald verabschiedete er sich und ich war ein wenig traurig. Er schien ein humorvoller und offener Mensch zu sein, dessen Gesellschaft ich gerne länger genossen hätte.

Fundstück

Am Nachmittag entdeckte ich an dem Platz, wo wir uns am Vormittag unterhalten hatten zwei kleine Schlüssel an einem Bindfaden und ich folgerte sogleich, das diese von dem freundlichen Berber stammen mussten.
Schnurstracks ging ich mit dem Bund und einem Foto, dass meine Frau glücklicherweise aus dem Wagen von uns geschossen hatte, in den Laden gegenüber und fragte, ob jemand den Mann kenne. Ich wurde noch zum Friseur geschickt, der ja viele Leute kennt und auch gut besucht war. Jeder wollte das Foto sehen, aber nicht jeder verstand, warum ich wissen wollte, wer dieser Mann ist und was es mit den Schlüsseln auf sich hatte. Nach langem Erklären mit meinem gebrochenen Französisch konnte mir leider niemand weiterhelfen. Ich wollte die Gastfreundlichkeit, die ich hier überall erfahre, ein wenig zurückgeben.
So forderte ich den Ladenbesitzer auf, den Schlüssel zu verwahren und einen Zettel an dem Pfeiler aufzuhängen, wo wir beide zusammengehockt und der Schlüssel wahrscheinlich beim Herausholen aus der Brieftasche auf den Boden gefallen war.
Am Abend war der Schlüssel immer noch beim Ladenbesitzer, aber leider auch kein »Schlüssel gefunden« Schild aufgehängt.

Ein kleines Abenteuer

Am nächsten Morgen sagte ich dann zu meiner Familie: »Lasst uns doch einfach den Schlüssel wieder zum Besitzer bringen. Wir werden ihm sicherlich eine große Freude bereiten, lernen vielleicht dadurch eine nette Familie kennen.« Unser großer Sohn war zwar nicht einverstanden, er wollte lieber Lego spielen. Doch wir einigten uns, dass das »Detektivspiel« nur zwei Stunden dauern dürfe.
So fuhren wir mit dem Schlüssel und dem Foto des Besitzers los, um ein kleines Abenteuer zu erleben.

Auf ungefähr halbem Weg nach Marrakesch war gegenüber einer Moschee ein kleiner Laden. Dort fragte ich in verdutzte Gesichter, ob jemand den Mann auf dem Foto kenne. Aber keiner konnte mir weiterhelfen.
Schon beim nächsten Laden etwa 500 Meter weiter hatte ich Erfolg. Ein älterer Herr, mit dem ich mich gut auf Französich unterhalten konnte, erkannte ihn wirklich als Imam und sagte, wir müssten wieder etwa 1 Kilometer zurück fahren. Ich überredete ihn, mitzukommen, denn ich bin überfordert bei Wegbeschreibungen, die mehr als eine Richtungsänderung enthalten. Ich freute mich, schon beim zweiten Versuch einen Treffer gelandet zu haben. Und natürlich auch auf das strahlende Gesicht des Geistlichen, den ich gerne noch mal wiedersehen wollte.Wir fuhren also zum vorher beschriebenen Dorf. Er fragte sich nach der Moschee durch und nachdem ich mit zwei meiner Söhne an der Hand und unserem Helfer durch eine Ansammlung von Lehmhütten gelaufen waren, standen wir vor einem unscheinbaren kleinen Haus.
Sie besaß, nicht wie sonst üblich, einen Turm, der von weithin sichtbar ist, sondern lediglich zwei Megaphone an einer langen Stange, mit denen die Gläubigen zum Gebet gerufen werden.Die Metalltür war verriegelt und mit einem Hängeschloss gesichert. Spasseshalber versuchten wir das Schloss zu öffnen, aber die Schlüssel passten nicht.

Einen Nachbarn fragten wir dann nochmals, ob er den Mann auf dem Display der Kamera kenne und ja, es war der Imam der kleinen Moschee. Er werde ihn anrufen, denn er habe die Telefonnummer.
Auch dieses Mal wurde ich enttäuscht, denn er meldete sich nicht. Er behielt aber den Schlüssel, um ihn dem Besitzer zurückzugeben.

Finderlohn

Ich war nun traurig, dass ich die Freude des Mannes nicht miterleben durfte und ihn vielleicht nicht wiedersehen könnte. Ich glaubte nicht daran, dass er noch einmal zu unserer Feuerwehr kommen würde, um sich bei uns für die Mühe zu bedanken.
Aber es sollte anders kommen.
Wir brachten den alten Mann zum Laden zurück, wo wir ihn getroffen haben. Auf der Rückfahrt erzählte er mir, dass er 8 Kinder habe. Er zeigte mir das sehr viel größere Haus seines kleineren Bruders.
Dann fragte er mich nach einem Entgelt für seinen Dienst. Ich musste lachen, weil ich davon ausgegangen bin, ich sei doch derjenige, der einen Finderlohn verdiene.

Aber schon einmal hatten wir die Dienste eines jungen Mannes in Anspruch genommen, der sagte, wir können den Preis selber bestimmen. Der von mir angebotene Lohn für eine kurze Führung in der »Kunstgalerie« des Ministeriums für islamische Angelegenheiten war ihm nicht ausreichend und so musste ich nochmal nachlegen, was ihn aber trotzdem nicht befriedigte und er schmollend beigab.

In diesem Fall gab ich dem alten Herrn statt der geforderten 100 Dirham nur 20, unter der Voraussetzung, dass ich ein Foto von ihm machen dürfe. Auch dieses Mal war unser Führer enttäuscht.
Auf der Rückfahrt sagte dann meine Frau zu mir: «Schade, heute gibt es wohl kein Happy End.«

Happy End?

Kurz bevor wir in die Hauptstrasse einbogen, die zu unserem Stellplatz in der Neustadt von Tanahout führte, hörte ich durch das offene Fenster ein Pfeifen und entdeckte gleich das freundliche Lächeln des Schlüsselbesitzers, der unser auffälliges Auto sicher schon von weitem herankommen sah. Ich drehte eine Runde im Kreisverkehr und freute mich um so mehr, dass die Geschichte doch noch ein gutes Ende finden wird. Wir freuten uns beide sehr über unser Wiedersehen.

Ich hatte jedoch seinen Schlüssel nicht mehr, denn den hatte ich ja bei seinem Nachbarn abgegeben. So dauerte es einige Zeit, bis wir einen Passanten fanden, der gut Französisch verstand und uns weiterhelfen konnte. Zu den Sprachschwierigkeiten gesellte sich noch die Geschichte selber, die für einen Aussenstehenden schwer nachvollziehbar war. Dabei erschein es mir doch ganz natürlich und logisch, mich für all die Gastfreundlichkeit in diesem Land mit einer freundlichen Geste gegenüber einem Einheimischen zu bedanken.
Aber auch diesmal gab es kein Happy End.
Nachdem der Passant die Geschichte verstanden und sie ihm übersetzt hatte, konnte ich in seinem Gesicht weder Dankbarkeit noch Freude erkennnen. Ich erfuhr, dass der Berber das Schloß schon ausgetauscht hatte, um in seine Moschee zu gelangen und die Schlüssel nun nicht mehr benötigte.

Er wirkte auf mich auf einmal fremd. Ich konnte mir nicht erklären, ob er meinen Aufwand komisch oder überflüssig fand, oder ob der Schlüssel ihm nicht mehr von Nutzen war und er deswegen keine Miene verzog.

Die anfängliche Freude des Wiedersehens machte am Ende einer Ernüchterung meinerseits Platz, das wir uns zwar im selben Land befinden, aber in anderen Welten leben.

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1 Antwort

  1. Francesco sagt:

    “ … das wir uns zwar im selben Land befinden, aber in anderen Welten leben.“

    Nur weil jemand nicht gemäß deiner Vorstellung reagiert, lebt er in „einer anderen Welt“?
    Bisschen Überdrama, finde ich.

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