Können Kinder auch ohne Schwimmhilfen Schwimmen lernen?

Schwimmen lernen ohne Schwimmhilfe, wie soll das gehen?

Im Schwimmbad unterscheiden sich die Schwimmer von den Nichtschwimmern vor allen Dingen dadurch, dass fast alle Kinder, die noch nicht schwimmen gelernt haben, mit neonfarbenen Schwimmflügeln auffallen. Aber muss das so sein?

Eines unserer Projekte für diesen Winter lautet Schwimmen lernen und so fahren wir wöchentlich in ein Schwimmbad, in dem sich ein Schwimmerbecken, ein brusttiefes Becken und ein Babybecken befindet.

 

Seit nun 2 Sommern sind unsere Jungs mit Schwimmkissen von Schlori (Schwimmen lernen ohne Risiko) ausgestattet, die aus fest gewebter Baumwolle hergestellt sind und auf dem Rücken befestigt werden, aber das Schwimmen hat sich nicht von selber eingestellt, zumal wir auch selten am Wasser waren.

So haben wir uns entschieden, dass wir in diesem Winter regelmässig in die Schwimmhalle gehen. Im letzten Jahr hatten wir uns nach Schwimmkursen für Kinder erkundigt, aber freie Plätze ergattert man nur ein drei-viertel Jahr im Voraus. Dafür war es nun wieder zu spät, und ein fester Kurs würde auch nicht zu uns passen, da wir uns ungern an feste Termine binden und starke Freigeister sind. So nahmen wir das also ganz unbefangen selbst in die Hand.

Schwimmen lernen durch Tauchen

Schon beim Fahrradfahren lernen war meine Devise immer gewesen: Lerne, mit dem Fahrrad umzufallen. Dann bist Du entspannt genug, das Fahren zu lernen.
Oder beim Jonglieren: Lerne, den Ball fallen zu lassen, dann kannst Du Dich frei entscheiden, den Ball zu fangen. Auf das Schwimmen übertragen bedeutet das demnach: Lerne zu tauchen, und das Schwimmen wird zur Nebensache.

Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf haben wir uns dann auf das Abenteuer Schwimmen Lernen gestürzt.

Die ersten beiden Male waren unsere beiden großen Jungs schwerbewaffnet mit besagten Schwimmkissen, Schwimmbrettern und Schwimmringen im Wassser unterwegs. Sie liessen sich treiben, gewöhnten sich ans Wasser und daran, keinen Boden unter den Füßen zu haben und den Papa immer in vertrauter Nähe zu haben.

Schon beim ersten Besuch im Schwimmbad hat sich einer der beiden Söhne ganz unvermittelt seiner Unterstützungen entledigt und wollte ohne externe Auftriebsmittel ins tiefe Schwimmerbecken. Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten hineinzuspringen. Im ersten Moment war ich in Sorge, im zweiten dachte ich aber, das ist jetzt wohl wirklich der richtige Zeitpunkt, um Schwimmen zu lernen.

Beim nächsten Mal sind wir zusammen ins brusttiefe Wasser gegangen, in dem er nicht mehr stehen kann. Dort durfte er seinem Bedürfnis nachgehen, sich ohne Schwimmhilfen im Wasser aufzuhalten. Wir haben zusammen die Luft angehalten und gemeinsam die Köpfe unter Wasser gesteckt und uns lustige Wörter zugeblubbert. Vor lauter Lachen und Freude schallte das ganze Schwimmbad. Immer und immer wieder wollte er unter Wasser und war kaum aus dem Wasser weg zu bekommen.

Ich selber liebe es, mich im Wasser zu bewegen und zu tauchen, vom Beckenrand mit tollen Figuren ins Wasser zu springen und damit viel Wasser in die Luft zu spritzen, aber nach dem Tauchen haben mir zwangsläufig die Augen gebrannt. Es ist ein Ostseewasser-Schwimmbad mit wenig Chlor, trotzdem war mir das Öffnen der Augen unter Wasser nicht möglich, ohne kurz darauf große Schmerzen in Kauf zu nehmen.

Schwimmbrillen sind bessere Schwimmhilfen als Schwimmflügel

Unseren beiden Söhnen ging es ähnlich und so sind wir dann beim nächsten Mal mit Schwimmbrillen in unserem Lieblings-Schwimmbad aufgetaucht. Was für eine tolle Idee!
Mit den Brillen hatten wir so viel Spass, denn nun eröffnete sich eine ganz neue Welt unter Wassser. Für die Jungs haben wir Brillen besorgt, die einen guten Rundumblick ermöglichen, fast so groß wie Taucherbrillen sind und die sich gut auf- und absetzen lassen.

Ganz schnell eroberten Sie sich das Element Wasser und so wurde es dank der Brillen schnell zu einem vertrauten Freund. Vom Beckenrand und von der Treppe aus wagten sie sich nach und nach immer weiter. Die meiste Zeit mit dem Kopf unter Wasser bewegten sie sich erst auf der Stelle und dann immer mehr vorwärts. Beide entwickelten  ganz unterschiedliche Schwimmstile. Der eine bewegte sich mehr wie ein zuckender Delphin durch ruckartige schnelle Ganzkörperbewegungen. Der andere ruderte erst nur mit einer Hand, weil er sich mit der anderen die Nase zuhalten wollte. Erst später nutzte er beide Arme zur Fortbewegung und Steuerung.

Aber ich liess sie nicht nur alleine Erfahrungen sammeln, sondern nahm sie auch huckepack auf den Rücken  und tauchte im brusttiefen Becken einen kräftigen Zug von einem Beckenrand zum anderen oder liess sie durch meine gegrätschten Beine hindurch tauchen. Auch das Treppengeländer wurde sehr eifrig als Basislager für Tauchexpeditionen genutzt. Es dauerte nicht lange, da tauchte der erste 2 Meter zum Papa. So gewonnen sie langsam Sicherheit darin, die Luft immer länger anzuhalten und erst oberhalb der Wasseroberfläche Luft zu holen. Ich war erstaunt, wie lange sie es ohne große Übung unter Wasser aushielten.

Beim nächsten Besuch haben wir einen Weckring als Tauchring mitgenommen und sie haben festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, in 1,35 Meter Tiefe hinab zu kommen. Denn der kleine Körper kommt immer wieder von ganz alleine nach oben. Das wusste ich vorher auch noch nicht. Es wurden einige Ideen ausprobiert, auf den Beckengrund zu gelangen. Unter anderem sprang einer von den beiden vom Beckenrand kopfüber ins Wasser,  um mit an Land gewonnenem Schwung tiefer hinab tauchen zu können. Nachdem immer nur ein paar Zentimeter gefehlt hatten, schlug ich letztendlich vor, die Arme nach vorne auszustrecken und im Wasser durch das schwungvolle auseinander Schlagen der gedrehten Handflächen das Wasser nach hinten zu stossen. Schon beim ersten Versuch gelangte der Tauchring in der Hand des stolzen Tauchers an die Wasseroberfläche. Was für ein Erfolgserlebnis nach so kurzer Zeit! Natürlich wurde er gleich wieder ins Wasser geworfen, denn die neue Errungenschaft wollte nun immer wieder und in anderen Variationen getestet werden.

Dann probierten wir noch Rollen im Wasser, auf dem Boden sitzen und ahmten mit großer Freude die Wassergymnastik der rüstigen Senioren unter Wasser nach, die wir am anderen Ende der Halle aufgeschnappt hatten.

Ich war immer in Ihrer Nähe, denn falls sie mal „abgluckerten“, sollte ich in Reichweite sein. Das haben sie auch getestet, aber nach einem kurzen Verschnaufen ging es ohne Bedenken gleich wieder zurück ins liebgewordene Element. Nachdem einer von den beiden dann 4 Meter ohne Luft zu holen durchs Becken gezuckt ist, musste er auf der anderen Seite nach einem tiefen Atemzug feststellen: „Puh, das war ganz schön weit.“ Und sprach damit dem stolzen Papa aus dem Herzen.

Schwimmen lernen gelingt Kindern mit Schwimmbrillen viel besser als mit SchwimmflügelnSelbst im Babybecken mit 25 cm Tiefe war der Kopf mehr unter Wasser als darüber und die Schwimmbewegungen wurden weiter optimiert und verfeinert, der Weckring von einer Seite zur anderen geworfen und die Tauchgänge immer länger.

Und nach weniger als 4 Wochen „Schwimmunterricht“ ist es nun eine große Freude, den beiden Jungs im Alter von 4 und 6 Jahren dabei zuzusehen, wie wohl sie sich im Wasser fühlen, ohne den Fokus darauf zu legen, schwimmen zu können. Es ist, als wären Sie dort schon immer heimisch, nur hatten Sie den Schlüssel noch nicht gefunden (in diesem Fall die Brille).

Wenn ich dann mit ein bisschen Abstand zum Becken rüberschaue, wo die beiden rumtollen und die Köpfe nicht zu sehen sind, durchzuckt mich kurz ein Angstschauer, der aber unmittelbar einem Vertrauen in Ihre neugewonnenen Fähigkeiten weicht.

Denn ich weiss, dass sie  gelernt haben, sich im Wasser aufzuhalten, ohne dass sie „richtig“ Schwimmen können. Sicherlich wäre das mit Schwimmflügeln, egal ob in Baumwolle oder Signalorange, in dieser Weise nicht möglich gewesen.
Ich frage mich, ob es nicht generell einfacher ist, wenn Kinder lernen, sich ohne Schwimmhilfen im Wasser zu bewegen und gleich von der ersten Minute an wohlfühlen. Statt erst darauf warten zu müssen, bis sie sich ohne Schwimmhilfen über Wasser halten können, wie es landläufig in den Schwimmkursen üblich ist.

Wie hast Du Schwimmen gelernt? Steht Deinen Kindern das Schwimmen lernen noch bevor? Wir freuen uns auf Deine Kommentare und hoffen, der Artikel gibt Dir wichtige Anregungen, wenn Du selber vor dem Problem stehst, wie Du Deinen Kindern das Schwimmen beibringen kannst.

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6 Antworten

  1. sven sagt:

    danke martin … das hört sich spannend an 😉 ich freu mich auf den sommer und hoff mit fiete und vera viel ins freie wasser zu kommen… weißt ja ich bin nich so der schwimmhallentyp ( ausser sauna! ) sondern lieber freibader.

  2. Kati sagt:

    Welche Schwimmbrillen habt ihr gekauft, die leicht aufzusetzen sind und in denen die Kinder guten Ausblick haben? Danke

    • MartinPi sagt:

      Hallo Kati,
      Wir haben mit diesen Brillen gleich beim ersten Mal einen guten Wurf gemacht. Die gehen fast ab 3 Jahren und den großen Jungs (5 und 6 Jahre) passen sie super. Sie können Sie sich alleine an und ausziehen und ermöglichen eine gute Sicht.

  3. Ana sagt:

    Hallo Ihr Lieben
    Bin über den Beitrag in fb-Clonlara auf Euch aufmerksam geworden und JAAAAAA, Kinder lernen ganz besonders ohne Schwimmhilfen schwimmen! Unsere Kinder, einer bereits volljährig dieses Jahr haben genau so schwimmen gelernt – hatten NIE Flügel oder ähnliches. Erst als sie schwimmen konnten, haben sie Schwimmringe etc. genutzt zum Spielen.
    Wir sind sogar der Meinung, dass Schwimmenlernen mit dem Wasser zu einem ganz anderen Schwimmenlernen führt, nämlich Schwimmen MIT dem Element wohingegen Schwimmhilfen eine nicht vorhandene Sicherheit vortäuscht. Jedes Kind ist trotz Schwimmhilfen unsicher – die Gesichter beim ersten Versuch zeigen es deutlich. Anhand von Ermunterungen der Erwachsenen „Das geht schon, Du wirst sehen etc.“ ‚lernt‘ das Kind ‚mein Gefühl ist falsch, es geht tatsächlich‘ – das kann fatal für seine Entwicklung sein, wenn andere Aspekte ähnlich ablaufen (was sehr wahrscheinlich ist, denn es ist ein ‚Muster‘ der Eltern und sie werden es wohl in weiteren Bereichen so halten.
    Also kurzum: Weise Entscheidung, den Kindern im Wasser selbst als Sicherheit zu dienen und sie an das wunderbare Element heranzuführen.
    Alles Gute für Euch! Wäre schön, wenn man sich mal irgendwo triff 🙂

    • MartinPi sagt:

      Danke für das Teilen Deiner Erfahrungen. Wir sind im Winterhalbjahr regelmässig im Schwimmbad, vielleicht dort? 😉
      Wir organisieren im nächsten Jahr wieder ein paar Lern-Treffen, im Mai 2019 z.B. ein Clonlara-Treffen. Weitere Infos darüber folgen, oder Du abonnierst unsere Facebookseite oder den Newsletter.

  4. Andrea sagt:

    Meine Tochter hat genauso schwimmen gelernt. Hab dieses ganze Getue mit Schwimmkursen noch nie verstanden. Ich hab schwimmen auch von meinen Eltern gelernt. Gerade um die Angst zu verlieren brauchen Kinder doch Vertraute: https://mit-kindern-reifen.de/schwimmen-lernen-trotz-angst/

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