Lebst Du noch oder spielst Du schon?

Als kleiner Junge habe ich liebend gerne einen brennenden Stock vom Lagerfeuer zum Wasser getragen und es zischen lassen. Meinen Eltern zufolge war es eine Tätigkeit, die ich stundenlang machen konnte.
Auch heute bin ich immer wieder erfreut und dankbar, wenn ich meinen eigenen Kindern Möglickeiten zum »Spiel mit der Unendlichkeit« geben kann. Jeder kennt und weiss doch, dass der beste Spielplatz ein Platz am Meer oder an einem Fluss ist, wo es unendlich viel Sand, unendlich viel Wasser und unendlich vielen Steine gibt, die wie ein neutraler Spielpartner zum Spielen einladen und das Spiel am Leben halten. Unsere Jungs zeigen dann durch Ihre Ausgeglichenheit, dass es Ihnen gut geht. Stundenlang können Sie Steine ins Wasser werfen, den Wellen hinterherrennen oder Sand von einer Stelle zur anderen tragen, als wäre es die wichtigste Sache der Welt.
Machmal frage ich mich dann, was das denn für einen Sinn macht, einen brennenden Stock ins Wasser zu halten, es zischen zu lassen und dann wieder zum Feuer zu bringen und zu warten bis er glüht, um dann wieder von vorne anzufangen.
Denn in meinen Erwachsenenaugen ist es eine sinnlose Tätigkeit, die zu nichts führt.
zwei Kinder spielen ausgelassen am Strand
Eine Erklärung, die ich unter anderem durch die Lektüre der Bücher von Elfriede Hengstenberg erhalten habe, ist, dass das Körperbewusstsein und die Körperbeherrschung ein wichtiger Baustein für ein gesundes Selbstbewusstsein ist. Ohne die maximale Kontrolle über den eigenen Körper wird sich nie das gesunde Gefühl entwickeln, bei sich selber angekommen zu sein und Herr seiner Selbst zu sein.
Aber diese Antwort wird der Komplexität der Facetten des Spiels nicht gerecht, denn es gibt noch andere Spielarten!

Spiel als Kommunikationsform

In meinem beruflichem Werdegang habe ich eine Zeitlang als Klinikclown gearbeitet, und dort war das Spiel DIE Art der Kommunikation, die ohne Worte mit Kindern jeden Alters möglich war.
Zwar geht es bei den Besuchen auf den Kinderstationen vordergründig darum, die kleinen Patienten zum Lachen zu bringen, aber mit einer gemeinsamen Verständigungsebene war es viel einfacher möglich, Kontakt aufzunehmen, wie das folgende Beispiel zeigen mag:
Ein Mädchen von ungefähr einem Jahren sitzt teilnahmslos in seinem Gitterbett.
Kliniklown Matte, der gerade ins Zimmer gekommen ist, holt einen kleinen Ball aus seinem Koffer und bietet ihn ihr an. Vorsichtig und abwägend nimmt sich das kleine Mädchen den Ball, fasst Vertrauen und legt ihn unbedarft hinter sich. Matte wundert sich, wo der Ball geblieben ist und holt nochmals einen Ball aus dem Koffer. Diesen nimmt sie nun schon etwas forscher und packt ihn ebenfalls hinter sich. Nachdem auch der dritte und letzte Ball im Gitterbett gelandet ist, stellt Matte fest, dass er keinen Ball mehr hat, sucht in seiner Hosentasche, im Koffer und unter dem Bett nach einem Ball. Schliesslich bittet er das Mädchen mit ausgestreckter Hand und fragendem Gesicht nach einem Ball. Diese hat das »Spiel« nun verstanden und mit einem Lächeln auf dem Gesicht gibt sie einen Ball zurück.
Dies waren die Momente in der Klinik, die für mich sehr berührend waren und die in der landläufigen Beschreibung des Spielbegriffes oft fehlen. Die Grenze zwischen Spiel und Kommunikation ist hier fliessend, aber ohne das spielerische Element wäre keine Kommunikation möglich gewesen.
Wenn ich als Clown das ZImmer verlassen habe, spielten die Bewohner oft weiter. Es war, als wenn sie jemand aus einem tiefen Schlaf wachgeküsst hatte und wieder zum Leben erweckt hatte.
Die kleinen Patienten waren in meinen Augen dann wieder »aktiviert« und einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg zur Genesung.
Denn meine Erfahrung ist, dass gesunde Kinder spielen, während die kranken es nicht tun. Wenn kranke Kinder spielen, holen sie sich die Gesundheit wieder in ihren Körper zurück. Spielen lässt Schmerzen vergessen und enthebt den Spielenden in eine andere Sphäre, in der nur die Phantasie den Horizont und die Möglichkeiten begrenzt. Dabei deckt sich dies mit wissenschaftlichen Forschungen, die die positive Wirkung der Clowns auf die Patienten untersucht haben.
Doch nicht nur mit Kindern kann man auf diese Art und Weise spielen, auch mit Tieren lässt sich solch eine Kommunikation durchs Spielen herstellen.

Spiel als bewusstseinserweiternde Droge?

Fred O. Donaldson ist ein amerikanischer Professor, der mit in Freiheit lebenden Wölfen gespielt hat und dessen Bestrebungen ahnen lassen, dass Spiel nicht nur eine Kulturtechnik unter vielen ist, sondern uns auch auf eindrucksvolle Art und Weise mit allen anderen Lebewesen verbinden kann.

Er hat den Begriff des »ursprünglichen Spiels« geprägt und gibt weltweit Workshops, um das Spielen ohne Gewinner und Verlierer wiederzuerlernen.
Paradoxerweise ist es eine der Tätigkeiten, die ein Mensch mit fortschreitendem Alter verlernen kann, im Gegensatz zum Fahrradfahren oder Schwimmen, das einmal erlernt, immer wieder zur Verfügung steht. Dabei kann das Herumtollen und Balgen eine Wirkung entfalten, die weit über das hinausgeht, was unser Verstand begreifen möchte und normalerweise nur durch Drogen hervorgerufen werden kann:
Einer seiner Lehrmeister und Spielgefährten, der kleine Junge David, sagte einmal: »Weißt du Fred, wenn wir spielen, wissen wir nicht, dass du anders bist als ich und ich anders als du.«

Spiel und Kultur

Eine ganz andere Herangehensweise an das Phänomen Spiel hat der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga (1872-1945).
In seinem Buch »Homo Ludens« von 1938 definiert er das Spiel folgendermassen:

»Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘.«

Er bringt uns zu der Erkenntniss, dass viele heutige Selbstverständlichkeiten unserer Kultur ihren Ursprung im Spiel haben. Recht, Krieg, Wissen, Dichtung, Poesie, Sport, Kunst; alle zeigen sie Grundzüge seiner Definition von Spiel.

Auch die Sichtweise des Niederländers offenbart, dass das Spiel ein ganz wesentlicher Teil unserer kulturellen Identität ist, ohne dem unser heutiges Leben in dieser Form nicht möglich wäre.

Wann aber verlieren wir die Fähgkeit, unbekümmert zu spielen?

Clown und Spiel

Gerne komme ich da wieder auf die Erfahrungen zurück, die ich in den Clownsfortbildungen gemacht habe. Eines der Spiele, die wir immer wieder gespielt haben, hieß: „Ja, Genau!“
Und das geht so: Ein Clown erzählt einem anderen eine Geschichte. Wenn der erste dann ins Stocken kommt, oder Luft holen muss, ist der zweite an der Reihe, ruft „Ja genau“ und führt die Geschichte weiter. Das kann auch zu mehreren gespielt werden.
Das Prinzip dahinter: Es gibt keine Wertung und kein Kommentar zu dem, was der Vorgänger gesagt hat. Es ist nichts weiter als die Inspiration für den Nachfolger. Dabei entstehen aberwitzige Geschichten, die nicht nur die Zuschauer begeistern, sondern auch eine gute Übung sind, den Verstand von jeglicher Art von Bewertungen zu befreien. Früher oder später verlieren die Mitspieler die Kontrolle darüber, was sie denken und ergeben sich der Gedanken und Ideen, die das Gehirn produziert, wenn es von der Leine gelassen wird. Es gibt kein festgelegtes Ende des Spiels, aber ein Ziel: nämlich in den Spielfluss zu kommen.
ein Junge spielt am Strand
Es sind also die Bewertungen und die Angst davor, etwas falsch zu machen, die den Erwachsenen daran hindern, zu spielen und am Ende auch zu lernen.
Das habe ich festgestellt, wenn ich Erwachsenen versucht habe, Jonglieren beizubringen. Als erstes mussten sie lernen, dass es kein Fehler ist, den Ball fallen zu lassen. Nachdem ich sie ermuntert habe, den Ball bewusst fallen zu lassen, war die Versagensangst irgendwann überwunden und der nicht mehr vorhandene Stress ermöglichte es nun, den Ball einfacher zu fangen. Es waren im Gehirn plötzlich Kapazitäten da, die es ermöglichten, ausreichend schnell zu reagieren und angstfrei zu lernen.

Das hat ein Nachspiel

Eine plausible Theorie besagt, dass die tägliche Praxis von Spielen und Lernen den Menschen jung erhält.
Bei kleinen Kindern, die täglich zwischen Aufstehen und zu Bett gehen im Spielmodus sind, ist das leicht nachvollziehbar.
Könnten wir Erwachsenen nicht auch durch Spielen ausserhalb des Wettbewerbgedankens unseren Jungbrunnen täglich wieder auffüllen?
Also, wenn Dein Kind dich das nächste Mal fragt: „Kommst Du mit spielen?!“
Tu es einfach, die „vertane Zeit“ wird Dir an deinem Lebensende wohlmöglich wieder als Nachspielzeit rangehängt!
Spielst Du täglich mit Deinen Kindern? Ich freue mich über Berichte und Erfahrungen in den Kommentaren!
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4 Antworten

  1. Sven Lange sagt:

    …was sagte denn der kleine junge david einmal? da fehlt was im text – oder habt ihr gespielt als ihr den text grad reinschreiben wolltet und der kommt dann später nach 😉
    liebe grüße von lotte & sven

  2. Corinna sagt:

    Vielen vielen Dank für deine Geschichte aus def Klinik, sie hat mich eindeutig berührt, ich konnte richtig „sehen“ wie der Clown seine Bälle sucht… vielleicht sehen wir uns wirklich mal und können stundenlang am Lagerfeuer Stöcke zischen lassen? Du findest mich/somit auch uns auf fb: Corinna Günther

    Du hattest bei uns einen Obstbatterie kommentar hinterlassen nachdem wir bei Line waren. Würde mich sehr freuen!

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